Das Bild entstanden während des Studiums von Fritz Aigner an der Akademie der bildenden Künste Wien
Verlorener Glaube ist kein religiöses Bild im klassischen Sinn. Fritz Aigner zeigt hier keinen Zweifel an Gott, sondern einen Zustand: den Verlust von innerem Halt. Entstanden 1950, spiegelt das Werk eine Zeit wider, in der Krieg, Schuld und Enttäuschung die großen Sinnsysteme erschüttert hatten. Formal steht das Bild deutlich in Nähe zur Bildsprache Ernst Fuchs’, insbesondere zu dessen Werk Die Versuchung des Siegers (1949). Aigner übernimmt die Überlagerung von Figuren, die deformierten Körper und die psychische Tiefenstaffelung – jedoch ohne Pathos. Seine Bildsprache wirkt stiller, zurückhaltender, beinahe nüchtern.
Der Bildraum ist karg und entrückt. Eine leere Landschaft, ein isoliertes Kreuz und ein dunkler Himmel mit übergroßem Mond lösen das Geschehen aus der Realität. Christus hängt allein am Kreuz, ohne Gemeinschaft, ohne tröstende Geste. Sein Schatten fällt auf eine rote Wand, an der blutähnliche Tropfen herabrinnen – ein Opfer, das keine Antwort mehr gibt. Im Zentrum stehen entleerte Figuren. Die linke Gestalt wirkt maskenhaft, kahl und erstarrt. Tränen fließen aus großen, dunklen Augen, jedoch ohne sichtbare Emotion. Es ist kein Ausbruch von Schmerz, sondern ein stilles, anhaltendes Trauern. Die deformierte Körperlichkeit verweist auf die Bildsprache Ernst Fuchs’ und auf dessen Erinnerung an die Kriegsverbrechen – an Entmenschlichung, Gewalt und Überleben. Diese Figur symbolisiert einen kollektiven Weltschmerz.
Rechts erscheint eine weitere Gestalt mit angstvoll, nach oben gerichteten Blick und geöffnetem Mund. Sie wirkt sprachlos, als sei ein Gedanke nicht zu Ende gebracht worden. Hinter ihr drängen sich weitere Personen ins Bild, leicht versetzt und überlagert. Es sind viele, gleichartige Gesichter – keine Individuen, sondern ein Kollektiv, das von Schuld, Leere und Orientierungslosigkeit geprägt ist. Am rechten Bildrand taucht eine weitere Figur mit Brille auf, die den Blick aber aus dem Bild heraus richtet – wie ein Zeuge, der das Geschehen registriert und den Betrachter in seiner Reaktion beobachtet.
Einen leisen Gegenpol zur Schwere des Bildes stellen die drei Getreideähren dar, die aus der Brust der linken Figur wachsen. Sie stehen nicht für Erlösung, sondern für ein stilles Weiterleben. Hoffnung existiert hier nicht als Versprechen, sondern als innerer Funke.
Ein rotes Band trennt den unteren Bildbereich vom Geschehen darüber. Im Vordergrund zeigt sich Aigner selbst, grün verfremdet, den Rücken zum Betrachter. In der Hand hält er das Porträt einer Frau – eine schmerzhafte Erinnerung. Das Bild wird nicht verehrt, sondern gezeigt, als Relikt einer vergangenen Zeit.
Verlorener Glaube ist die Darstellung eines Menschen, der weiterlebt, obwohl die alten Gewissheiten nicht mehr tragen. Der Glaubst ist nicht zerstört worden –er ist langsam verloren gegangen. Zurück bleiben Fragmente, Verletzlichkeit und ein waches, illusionsloses Weiterleben. Der Sinn ist nicht verschwunden – aber er trägt nicht mehr.
Schmankerlwirt
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